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„Die Bedeutung des Tourismus wird überschätzt“ – Die Hotelübernachtungen in Minden sind im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit Jahren gerutscht. Hotelier Bernd Niemeier zieht daraus bemerkenswerte Schlüsse (#200in365, No.128)

März32019

Der Mindener Hotelchef Bernd Niemeier sieht seine Branche von zu viel Bürokratie gegängelt.
Für die Stadt wünscht er sich mehr Nähe zur Weser. MT-Foto: Alex Lehn

In vielen deutschen Städten wächst das Gastgewerbe. 2018 haben Hotels und Restaurants deutschlandweit mehr als drei Prozent mehr umgesetzt als im Vorjahr. In Minden sieht die Situation weniger rosig aus. Die Hotelübernachtungen sind auf den niedrigsten Stand seit elf Jahren gerutscht. Seit drei Jahren geht es nur bergab. 2016 verzeichnete der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) noch um die 73.000 Übernachtungen, ein Jahr später waren es noch 67.000, im zurückliegenden Jahr nur noch wenig mehr als 65.000. Bernd Niemeier, Inhaber des Mindener Hotels Lindgart und Dehoga-Präsident in NRW, hat Ideen für eine Trendumkehr.

Als Laie habe ich den Eindruck, dass es in Minden wenige Hotels gibt. Stimmt das?

Nein, für eine Stadt dieser Größe ist die Struktur in Ordnung. Ein Problem ist dagegen die Anzahl der Übernachtungen. Rund um uns herum wächst es, hier nicht.

Interessieren sich Touristen nicht für Minden?

Die Bedeutung des Tourismus für die Hotelbranche wird überschätzt. In Minden macht der Anteil der Touristen an den Übernachtungsgästen sieben bis neun Prozent aus. Mehr als 80 Prozent sind Geschäftsreisende. Insofern sind wir von den heimischen Unternehmen viel abhängiger als vom Tourismus. Wenn die Firmen einen Schnupfen haben, dann haben wir eine Lungenentzündung. Warum die Anzahl der Übernachtungen 2018 so niedrig ausgefallen ist, kann ich im Detail nicht erklären.

Aber es lassen sich womöglich Schlüsse daraus ziehen. Zum Beispiel, dass es Neuansiedlungen von Hotels in Minden schwierig haben dürften.

So ist es. Wenn ich manche Leute davon reden höre, dass es ein neues Hotel in Minden brauchte, dann kann ich nur sagen: Wovon träumt ihr nachts? Unsere Jahresdurchschnittsbelegung liegt bei unter 60 Prozent. Eigentlich braucht man mindestens 60 Prozent, um profitabel zu sein. Wir schaffen es auch so. Aber klar ist: Für ein neues Hotel gibt es in Minden nicht das notwendige Potenzial.

Eine Multihalle könnte daran vielleicht etwas ändern Jemand wie Sie ist vermutlich ein glühender Kämpfer für deren Bau.

Nein, ich bin da skeptisch. Den Bau würde man schon finanziert bekommen, das ist nicht das Problem. Beim Betreiben, da sehe ich die Gefahr. Wenn die Stadt sagt: Kein Problem, da legen wir jedes Jahr eine oder eineinhalb Millionen Euro obendrauf, dann geht das. Aber wird die Stadt das auf die Dauer verlässlich können? Und selbst wenn das gewährleistet wäre, würde man die wirklich großen Künstler nicht bekommen. Die geben Konzerte in Hannover und vielleicht noch in Bielefeld, kommen dann aber nicht auch noch nach Minden.

Gibt es denn andere Ideen, von denen Sie annehmen würden, dass sie Minden weiterbringen würden?

Die Bedeutung der Weser ist in Minden noch immer nicht ausreichend erkannt worden. Da hat sich zwar schon einiges getan, aber ich sehe da noch viel Potenzial. Minden liegt ja nicht an der Weser, sondern an einer Straße, die an der Weser liegt. Das Weserufer attraktiver und belebter zu machen, würde sich lohnen. Und dann die Schlagde. Die Bremer haben es geschafft, ihre Schlagde zu einem touristisch attraktiven Ort zu machen, mit Biergärten, in denen der Punk abgeht und wo im Winter ein Weihnachtsmarkt stattfindet. Das würde ich mir für Minden auch wünschen.

Zurück zum Hotelgewerbe: Was erwartet ein Gast anno 2019?

Das hat sich sehr gewandelt. Früher wollte es der Gast besonders schön haben, gemütlich. Das spielt inzwischen eine kleinere Rolle. Heute gibt es drei Dinge, die wichtig sind: WLAN, WLAN und WLAN. Danach kommt lange nichts und dann eine gute Matratze und Vorhänge, die das Zimmer ordentlich verdunkeln.

Von Gastronomen und Hoteliers habe ich manchmal den Eindruck, sie würden sich in die Opferrolle flüchten.

So einfach ist das nicht. Wir haben einiges in Richtung Politik zu beklagen, aber dafür gibt es gute Gründe. Wir wünschen uns mehr Wertschätzung. Etwas mehr als 800.000 Menschen arbeiten in Deutschland in der Automobilindustrie. Die Politik streichelt die Autoindustrie bis zum Gehtnichtmehr. Die können sich alles Mögliche erlauben, bis hin zum Kriminellen. In der deutschen Gastronomie und Hotellerie arbeiten dagegen um die zwei Millionen Menschen. Aber wir bekommen ständig Stöcke zwischen die Beine geworfen.

Zum Beispiel?

Unser Chefkoch hat mal gekocht. Heute ist er zu 40 Prozent mit allen möglichen Dokumentationen beschäftigt. Das ist nur ein Beispiel für eine ausufernde Bürokratie. Oder nehmen Sie die Kontrollen. Da steht plötzlich der Zoll bei Ihnen, mit Waffen am Gürtel, und dann müssen alle Mitarbeiter alles stehen und liegen lassen, und sei es, dass die Gäste gerade beim Frühstück sitzen. Das kann es nicht sein. Oder die Arbeitszeiten. Wenn Sie eine Hochzeit organisieren, dann gibt es Angestellte, die müssen um 1.30 Uhr aufhören zu arbeiten. Soll ich der Hochzeitsgesellschaft dann das Licht ausdrehen? Diese Starrheit der gesetzlichen Regelungen passt nicht zu unserer Branche. Da erwarten wir mehr Entgegenkommen und dass wir nicht immer angesehen werden wie Räuber, von denen man annimmt, sie würden keinen Mindestlohn zahlen und Schwarzgeld zahlen.

Wobei Sie ja kaum behaupten können, dass es diese Fälle nicht gibt.

Aber die Branche ist riesig. Natürlich gibt es solche Fälle. Aber das ist ein verschwindend geringer Anteil. Den gibt es in jedem Wirtschaftszweig. Davon auf ein Gewerbe insgesamt zu schließen, gehört sich einfach nicht.

Warum heißt Ihr Hotel eigentlich Lindgart?

Wir waren jahrelang Franchise-Nehmer bei „Holiday Inn“. Der Vertrag lief dann aus und wir haben uns entschieden, ihn nicht auf Jahre hin zu verlängern. Es musste ein neuer Name her, der auch auf Englisch und Französisch aussprechbar und noch nicht geschützt ist Mein Sohn kam auf Lindgart weil wir an der Linden Französisch aussprechbar und noch nicht geschützt ist. Mein Sohn kam auf Lindgart, weil wir an der Lindenstraße liegen und einen schönen Garten haben.

Von Benjamin Piel, Chefredakteur

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