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Voll im Wettbewerb: In der Behindertenhilfe arbeitet die Diakonie Stiftung Salem als Zulieferer für große Unternehmen – Und kämpft gegen Klischees an. (#200in365, No.39)

Aug.142018

Thomas Lunkenheimer (links) und Christian Schultz sind die beiden Geschäftsführer der Diakonie Stiftung Salem in Minden. MT-Foto: Benjamin Piel

Die Diakonie Stiftung Salem in Minden hat 2.800 Mitarbeiter, davon 1.050 Menschen mit Behinderungen. In der Behindertenhilfe arbeitet die Diakonie als Zulieferer für Firmen wie Wago, Harting oder Grohe. Das Klischee der Arbeit ohne großen Anspruch trifft nicht zu. Im Gegenteil: Die Diakonie muss dieselben Standards einhalten wie andere Zulieferer auch. Das und die Ausbildung von Pflegekräften stellt die beiden Geschäftsführer Christian Schultz und Thomas Lunkenheimer vor große Herausforderungen.

Viele glauben, in Behindertenwerkstätten finde nicht mehr statt als Beschäftigungstherapie. Wie sehr ärgert sie diese Sicht?

Christian Schultz: Schon etwas, weil es schlicht nicht zutrifft. Der falsche Eindruck in der Bevölkerung existiert und er hat sich leider sehr festgesetzt. Wir sind ein Dienstleister, der Menschen mit Behinderungen vielfältige Möglichkeiten zur selbstbestimmten und gleichberechtigten Teilhabe am Arbeitsleben ermöglicht. Als Zulieferer für die Industrie stehen wir auch im Wettbewerb mit Anbietern ohne eingeschränkte Mitarbeiter. Das bringt Herausforderungen ohne Ende mit sich. Der Druck ist angestiegen innerhalb der zurückliegenden Jahre, von Beschäftigungstherapie kann überhaupt keine Rede sein. Für einige lokale Unternehmen spielt vielleicht auch der karitative Aspekt eine Rolle, wenn sie uns Aufträge geben. Anderen Unternehmen ist es gleichgültig, ob wir behinderte Mitarbeiter haben oder nicht. Die wollen gute Ergebnisse zu einem guten Preis. Wir stellen uns dieser Herausforderung, denn wir brauchen die Aufträge, um berufliche Inklusion zu ermöglichen. Die Identifikation der Mitarbeitenden mit den Produkten ist bei uns besonders groß.

Warum das?

Thomas Lunkenheimer: Was jemandem von außerhalb eintönig vorkommen mag, gibt vielen unserer Mitarbeiter Sicherheit und Routine. Diese Menschen schätzen es sehr, an einem Prozess beteiligt zu sein, an dessen Ende ein Produkt steht. Wenn sie dann teilweise bei einem Discounter sehen, dass dort die Produkte, die sie hergestellt haben, verkauft werden, dann empfinden sie das als Wertschätzung.

Mehr Wertschätzung für Menschen mit Behinderungen will auch das Bundesteilhabegesetz ermöglichen, das in vier Stufen bis 2023 in Kraft tritt. Ist das Gesetz für Sie eher ein Grund zur Freude oder zum Ärger?

Thomas Lunkenheimer: Grundsätzlich begrüßen wir ein möglichst selbstbestimmtes Leben natürlich. Allerdings stellen uns die Veränderungen auch vor Herausforderungen. Bisher waren Dinge wie Betreuung, Übernachtung, Essen und Ähnliches in der Hand eines Trägers. Theoretisch wird es in Zukunft möglich sein, dass die Betroffenen die verschiedenen Aufgaben auf mehrere Träger verteilen. Das bedeutet durchaus einen Paradigmenwechsel.

Kein Paradigmenwechsel ist im Pflegefachkräftemangel in Sicht. Wie schätzen Sie das ein?

Christian Schultz: Dieser Mangel ist bei uns längst angekommen. Wir könnten gut weiter wachsen als Unternehmen, aber die fehlenden Pflegekräfte machen das in diesem Bereich unmöglich. Die politische Diskussion geht aus unserer Sicht gerade in eine ganz falsche Richtung. Die schlechten Rahmenbedingungen schrecken Fachkräfte ab, auch dass der Pflegeberuf schlechtgeredet wird. Schon jetzt fehlen bundesweit 80.000 Kräfte, die einfach nicht da sind. Vor allem die Finanzierung des theoretischen Teils der Ausbildung stellt uns vor Probleme. Die Kosten der Pflegefachschulen tragen in NRW anteilig das Land und der jeweilige Träger. Die seit über 20 Jahren nicht angepasste, sogar abgesenkte Landesförderung von 280 Euro pro Schüler und Monat deckt nicht die notwendigen Ausgaben in der theoretischen Altenpflegeausbildung. Die Finanzierungslücke wächst jährlich durch Lohnkostensteigerungen und Inflationsrate. Obwohl die Förderung der Fachseminare seit 2015 eine gesetzliche Verpflichtung des Landes ist, reicht die Fördersumme nicht annähernd, um ein Fachseminar betreiben zu können. Wir würden gerne mehr Pflegekräfte ausbilden. Aber wir zahlen schon jetzt 110.000 Euro pro Jahr in diesem Bereich drauf. Mehr geht einfach nicht. Der Flaschenhals wird immer enger, der Busch brennt.

Aber es heißt doch immer, es seien sowieso keine Bewerber da.

Christian Schultz: Das stimmt so einfach nicht. Die Bewerber sind unserer Erfahrung nach sehr wohl da, wir könnten sofort einen weiteren Kurs anbieten. Aus wirtschaftlichen Gründen können wir es aber nicht.

Und ausländische Kräfte?

Christian Schultz: Davon redet die Politik, aber eine stabile Lösung kann das doch wohl nicht sein. Diese Kräfte bleiben nicht dauerhaft in Deutschland und lösen das Problem insofern nicht konstant. Hinzu kommen Hindernisse wie Sprachbarrieren. Wir haben da schon jetzt ein großes Thema, aber wir werden in Zukunft ein Riesenproblem bekommen. Wenn die Politik meint, das mit ausländischen Pflegekräften lösen zu können, wird das schief gehen. Glücklicherweise sind wir ein Komplexträger, der im sozialen Bereich außer Krankenhäusern so ziemlich alles macht. Wir sind also breit aufgestellt.

Wie sieht es mit personellen Kräften jenseits des Pflegesektors in der Region aus?

Thomas Lunkenheimer: Auch das ist eine große Herausforderung. Die Hälfte unserer Mitarbeiter ist älter als 50 Jahre. Es muss Arbeitgebern wie uns aber auch der Stadt gelingen, möglichst vielen Menschen Lust auf Minden und die Region zu machen. Es muss sich einiges tun, um Minden noch attraktiver zu machen.

Von Benjamin Piel, Chefredakteur

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