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Brunhildes Rückkehr: Mit 18 Jahren hatte Ralf Bednarzik Polio. Nun kehrt die Lähmung schleichend zurück. Für Impfgegner hat der Mindener kein Verständnis (#200in365, No. 65)

Okt.182018

Das Sitzen funktioniert ganz gut, stehen kann Ralf Bednarzik ohne Gehhilfen inzwischen gar
nicht mehr. Als Kind hatte er Kinderlähmung vom Typ Brunhilde. MT-Foto: Benjamin Piel

Plötzlich war sie wieder da. Ralf Bednarziks Beine knickten ein, er fiel zu Boden. Erst dachte er sich nicht viel dabei. Doch es passierte immer öfter. Die Ärzte fanden nichts. Bis der 80-Jährige sich daran erinnerte, dass er als Jugendlicher an Kinderlähmung gelitten hatte. Ein Arzt in Bielefeld stellte schließlich die richtige Diagnose: Polio-Spätfolgen – die Lähmung kehrt schleichend zurück.

Dass kaum jemand mehr die Kinderlähmung kennt, daran will der Mindener etwas ändern. Was niemand kennt, was niemand sieht, das findet niemand gefährlich. Doch auch wenn es seit 1992 keinen Polio-Fall in Deutschland mehr gegeben hat: Die Gefahr bleibt real, gerade in Zeiten von Globalisierung und Fluchtbewegungen. Zuletzt hatte es Fälle von Kinderlähmung in Syrien und Afghanistan gegeben. Ausgerechnet in Ländern, aus denen Menschen unter anderem nach Deutschland ziehen. Das Tückische: Nur wenige der Infizierten erkranken, alle anderen Infizierten merken zwar nichts davon, verbreiten das hochansteckende Virus aber weiter. Auch deshalb hält es Bednarzik für unverantwortlich, dass es zunehmend Eltern gibt, die Impfungen für ihre Kinder ablehnen. Er erinnert daran, dass es 1961 noch an die 6.000 Polio-Fälle in Deutschland gegeben habe, fünf Jahre später fast keine mehr – allein aufgrund der flächendeckenden Impfungen.

Poliomyelitisviren treten in drei Typen auf und befallen die Nerven im Rückenmark. „Meine heißt Brunhilde“, sagt Bednarzik, „dieser Stamm geht über den ganzen Körper.“ Er sitzt im Wohnzimmer auf dem Sofa und schaut hinunter zu dem steifen Fuß, der in einem dicken Stützschuh steckt. Mit dem kann er wenigstens ein paar Meter gehen. „100 Meter schaffe ich mit den Gehhilfen“, sagt er. – „Aber dann bist du völlig fertig“, sagt seine Frau Ute. Das Bein tut immer weh. „Es ist ein brennender Schmerz, aber da gewöhnt man sich dran“, erzählt Ralf Bednarzik, lacht und winkt ab.

Er gehört nicht zu den Leuten, die sich in ihrem Schicksal wälzen wie in einer Schlammkuhle: „Man muss das Beste daraus machen, es gibt keinen Grund, Trübsal zu blasen.“ Das sagt der Rentner, obwohl er angesichts seiner ungewissen Zukunft sehr wohl Grund hätte, sich zu grämen. Denn weder er noch sein Arzt wissen, wie die Spätfolgen weiter verlaufen werden. Vielleicht bleibt es bei der Lähmung des Fußes, vielleicht versagen mit der Zeit immer mehr Nerven den Dienst und Bednarzik sitzt irgendwann im Rollstuhl. „Dass ich eines Tages die Treppen im Haus nicht mehr schaffe, davor habe ich Manschetten“, sagt er.

Das liegt auch daran, dass er unvorsichtig war. Er und seine Frau sind selbstständig gewesen im Zoo- und Gartenbereich. Schwere Säcke hat er jahrelang geschleppt. Das ist genau das, was Menschen, die an der Kinderlähmung gelitten haben, nicht tun sollten. Er hätte haushalten sollen mit seiner Kraft, um die Nerven zu schonen. Das wusste Bednarzik nicht und arbeitete sein Leben lang auch körperlich hart. Das rächt sich nun. Kraft gibt ihm die Arbeit in der Regionalgruppe Herford/Ostwestfalen-Lippe des Bundesverbandes Poliomyelitis, die er seit zwölf Jahren leitet. Durch eine Fernsehsendung hatte er von der Arbeit des Verbands erfahren. Für die zwölf Mitglieder der Gruppe sei es eine gute Sache, über das Post-Polio-Syndrom reden zu können. Oft geht es um zähe Verhandlungen mit Krankenkassen über Anträge auf E-Rollstühle und andere Hilfsmittel: „Jeder hat dieselben Spielchen.“

Rund 60.000 Menschen, die als Kinder oder Jugendliche Polio hatten, leben in Deutschland. 35 Prozent von ihnen leiden an den Spätfolgen. Viele haben wie Bednarzik eine Mission: „Wir wollen die Bevölkerung aufrütteln, dass sie bloß ihre Kinder impfen lassen.“

Von Benjamin Piel, Chefredakteur

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