Fehler passieren, leider. Einmal in der Tageszeitung gedruckt, werden sie unglücklicherweise gleich von zigtausenden Leserinnen und Lesern gesehen. Viele von ihnen ärgern sich darüber, zu recht. Immer wieder gibt es Protestbriefe an die Redaktion – wie diesen hier von Leserin Irmgard N. (Name geändert) aus Minden:
ANTWORT DES CHEFREDAKTEURS
Minden, 10. Februar 2013
Sehr geehrte Frau N.,
zunächst einmal muss ich um Nachsicht bitten, dass es mit meiner Antwort ein paar Tage gedauert hat. Ich war in den vergangenen Tagen mehrfach auf Dienstreise, zudem sind wir beim MT derzeit mit einer Fülle von Projekten zur inhaltlichen, organisatorischen und technischen Weiterentwicklung der Zeitung beschäftigt, die auch den Chefredakteur stark in Atem halten. Nicht zuletzt realisieren wir gerade einen mehrstufigen Komplettumbau der gesamten Redaktionsetage. Dies nicht zur Ausrede, sondern zum Verständnis.
Herausreden will ich mich auch nicht gegenüber Ihrer Kritik. Ich kann sie sogar gut nachvollziehen. Glauben Sie mir, jede der von Ihnen so gut mindenerisch wie treffend „Klöpse“ genannten Fehlleistungen schmerzt auch einen Chefredakteur. Sie ärgern auch die Mitarbeiter selbst, die jeweils im Einzelnen verantwortlich sind; das weiß ich aus den stets darauf folgenden Gesprächen und Analyseversuchen zur möglichst künftigen Vermeidung.
Eine Ursache haben Sie selbst genannt: Fehler sind menschlich. Bei Ihrer Heimatzeitung, übrigens eine der ganz wenigen publizistisch wie wirtschaftlich selbstständigen und unabhängigen Zeitungen dieser Größenordnung in Deutschland, arbeiten Menschen. Und zwar unter zunehmendem Zeitdruck, zunehmender Beanspruchung durch immer komplexere, inzwischen vollkommen digitalisierte Produktionsweisen, wachsenden Anforderungen vonseiten der Leserschaft wie der Anzeigenkundschaft, zunehmender Fülle des zu bewältigenden Nachrichten-, Termin- und Veröffentlichungswünsche-Eingangs und nicht zuletzt den Erfordernissen eines von Jahr zu Jahr zunehmenden Umfangs – der Zeitung selbst wie der von ihr zusätzlich erstellten Sonderprodukte und Magazine ebenso wie ihrer aktuellen digitalen Kanäle.
Dabei passieren Fehler – übrigens nicht nur uns, aber das nur am Rande. Wir sind uns dessen bewusst und haben – neben einer kontinuierlichen Ausweitung der Redaktion in den vergangenen Jahren – auch zahlreiche Mechanismen zur Fehlermeidung und Qualitätssicherung installiert. Sehr wohl wird die Zeitung Korrektur gelesen, Abend für Abend nach Abschluss der Seitenproduktion von bis zu sechs eigens dafür beschäftigten Kräften. Aber auch schon vorher gibt es die verbindliche Nutzung von Rechtschreibprogrammen zur Textkontrolle, Vier-Augen-Prinzip, Gegenlesen, Abnahmekonferenzen, Spätdienstkontrollen. Viele Fehler werden so entdeckt und vor Druck der Zeitung entfernt. Trotzdem rutschen manche durch. Die Anzahl der Gründe ist, sieht man sich die Einzelfälle an, nicht viel kleiner als das rechnerische Aufkommen. Sie haben – häufig, nicht immer – mit menschlichem Unvermögen, Nichtwissen oder Versehen zu tun, manchmal aber auch schlicht mit technischen Ursachen, Archivpannen oder dem unglücklichen Zusammentreffen eigentlich nicht für möglich gehaltener Umstandskombinationen.
Die Redaktion produziert im Jahr inzwischen gut 10.000 Zeitungsseiten (von den Magazinen, Sonderprodukten und digitalen Kanälen will ich an dieser Stelle gar nicht reden), auf jeder haben bis zu 15 einzelne größere oder kleinere Artikel Platz; samt längerem oder kürzerem Text, Überschriften und Unterzeilen, Zwischenüberschriften, Zitate-Kästen, Faktenboxen, Ergebnis-Übersichten, Sporttabellen, Bildern und Info-Grafiken, Karten und anderen Elementen mehr. Alle bergen Fehlerquellen – und glauben Sie mir: jeder dabei mögliche Fehler wird auch irgendwann gemacht. Wir begegnen dem mit der 3-F-Strategie: 1. Fehlervermeidung, 2. Fehlererkennung, 3. Fehlerbehebung. Trotzdem gibt es „Klöpse“. Leider.
Sie haben die Preiserhöhungen angesprochen: Ja, wir haben in den vergangenen Jahren die Preise immer wieder moderat erhöhen müssen. Vergleichen Sie die Abonnementpreise des Mindener Tageblatts mit solchen ähnlicher Heimatzeitung etwa in Niedersachsen oder anderen Regionen Deutschlands und Sie werden feststellen, dass ein MT-Abonnement relativ preiswert ist. Die Redaktion ist ausgebaut worden. Mitarbeiter aller Abteilungen von der Redaktion über Vertrieb, Technik und Druck bis hin zum täglich durch Wind und Wetter stapfenden Zeitungsboten wollen angemessen entlohnt werden, Nachrichtenagenturen, Meteorologen, Börsenkurs-Lieferanten, freie Fotografen und Autoren ebenso finanziert wie komplexe Zeitungstechnik, steigende Papierpreise und wachsender Umfang. All das kostet Geld, während gleichzeitig der Anzeigenumfang – auch aufgrund der Konkurrenz des Internets – zurückgeht.
Um Ihre drängenden Fragen zu beantworten: Ja, Sie können glauben, was im MT steht. Denn wenn wir einmal etwas falsch machen und es merken, korrigieren wir es auch („So stimmt’s“). Und selbstverständlich können Sie im Freundeskreis über Ihr Zeitungswissen diskutieren – schon weil wir hoffen, dass Sie täglich im MT viele interessante, wissenswerte Nachrichten und Informationen über Ihre Heimatstadt und deren Nachbarschaft, aber auch über das Geschehen in Deutschland und der Welt finden. Diese zu recherchieren und konzipieren, zu sortieren, zusammenzustellen und zu gestalten, geben wir uns viel Mühe. In den meisten Fällen gelingt es uns, sie einigermaßen fehlerfrei ins Blatt zubringen. Aber ist ein Fehler erst mal drin, wird er auch von bis zu 100.00 Menschen gesehen – Höchststrafe für Redakteure und andere Zeitungsmacher, vor allem, wenn es ein „Klops“ ist. Dass es auch immer wieder mal den umgekehrten Fall gibt, mag ich nicht verschweigen: nicht jeder uns von Lesern vorgehaltener Fehler ist auch einer.
Sie sehen an meinem Schreiben, sehr geehrte Frau N., dass mir das Thema Fehler wichtig ist. Ihren weiteren diesbezüglichen Anstoß zum Nachdenken habe ich im redaktionsinternen Diskussionsforum allen Redakteurinnen und Redakteuren zur Kenntnis gegeben, begleitet von mahnenden Worten. Nach Möglichkeiten zur Verbesserung suchen wir kontinuierlich, das Thema ist auf fast jeder Redaktionskonferenz präsent. Wir sind uns stets bewusst: Unsere Leserinnen und Leser erwarten für den Abonnementspreis ein nach Möglichkeit tadelloses Produkt.
Unser Motto „Täglich eine gute Zeitung“ ist kein Werbegeklingel, wir meinen es ernst. Niemand hier geht mit diesem Anspruch leichtfertig um. Eine fehlerfreie Zeitung kann ich Ihnen leider gleichwohl nicht versprechen, dafür aber das größtmögliche Bemühen darum. Täglich.
Mit freundlichen Grüßen
Christoph Pepper, Chefredakteur
PS: Das falsche „Kloster Corvey“ ist ein gutes Beispiel, anhand dessen ich Ihnen eine Verkettung unglücklicher Umstände erläutern kann. Die morgendliche Redaktionskonferenz beschließt, das Thema zum Titelfoto zu machen. Die Kulturredakteurin weiß, dass die im MT-Archiv abgelegten Fotos alle schon mehrfach gedruckt wurden, möchte gern eine neue Perspektive bieten, nimmt deshalb Kontakt mit der Bielefelder Partnerzeitung (die eine Redaktion in Höxter hat) auf und bittet um Zusendung eines schönen, für die Titelseite geeigneten Fotos. Die Kollegen aus Bielefeld schicken am späten Nachmittag zwei. Die Kulturredakteurin, die selbst mehrfach in Corvey war, sieht sie „zwischen Tür und Angel“ zweier Termine erst am noch späteren Nachmittag, bemerkt das fehlende Geschoss an den ansonsten recht ähnlichen Baukörpern nicht und leitet sie an die für die Titelseite produzierenden Kollegen am Desk weiter. Die abendliche Blattabnahmekonferenz findet das Foto ansprechend und bespricht die optimale Platzierung von Überschrift und Bildunterzeile – allerdings hat keiner der in diesem Fall annähernd zehn anwesenden Kolleginnen und Kollegen einschließlich des Chefredakteurs Ortskenntnis. Keiner kommt darauf, dass die große Zeitung aus Bielefeld uns ein falsches Foto schicken könnte. Und schon haben wir am übernächsten Tag einen Grund, uns zu entschuldigen. Was ich auch Ihnen gegenüber noch einmal tun möchte.
Die falschen Könige in Belgien und Norwegen sind dagegen das Resultat einer Verwechslung der Unterzeile beim Umbauen einer von DPA-Infocom gelieferten Infografik mit Bildern, Namen und Daten zu den europäischen Königshäusern in der Zeitungsvorstufe, die aus einem Hochformat ein Querformat bauen sollte. Eine falsche Schreibweise von Belgien oder Norwegen wäre bei der anschließenden Seitenabnahme und der sich wiederum dieser anschließenden Korrektur womöglich aufgefallen, ausreichende royale Personenkenntnis hatte leider keine der beteiligten Personen …







