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Die Redaktion spricht immer wieder mit Kriegsflüchtlingen. Eine Expertin erklärte, worauf im Interview mit ihnen zu achten ist.

Krieg schien lange weit weg zu sein – seit dem 24. Februar ist er das nicht mehr. Dafür sorgt zum einen die mediale Berichterstattung rund um die Uhr und auf diversen Kanälen. Und zum anderen tragen ihn die aus der Ukraine Geflüchteten in sich. Hunderte von ihnen sind nach Minden gekommen und haben ihre Erfahrungen mit Tod, Flucht und Verlust sowie ihre Sorgen mitgebracht.

 

Indem sie Journalisten ihre Geschichte erzählen, geben sie dem Krieg ein Gesicht. Über diese Kriegs- und Fluchterlebnisse hat auch die MT-Redaktion in denvergangenenWochenoft berichtet: Wir haben eine Wissenschaftlerin vorgestellt, die mit ihrer Tochter aus Sumy geflohen ist – ihr Mann musste in der Ukraine bleiben.Oderdas ältere Ehepaar aus Mariupol – die Mutter der Frau war nach einem Luftangriff im eingestürzten Haus verschüttet worden. Oder zwei in Minden gestrandete, ukrainische Lkw-Fahrer.

 

Meist berichten die Menschen sehr gefasst von ihren Erfahrungen. Manchmal aber weinen sie, die Stimmen werden brüchig oder sie können nicht mehr weiterreden. Dann wird am deutlichsten, wie sehr sie das alles mitnimmt.Als Fragensteller müssen wir uns klarmachen, dass hier Menschen in einer Ausnahmesituation vor uns sitzen, die vielleicht schwer traumatisiert sind. Nur weil sie in vermeintlicher Sicherheit sind, sind ihre Gedanken und ihr Unterbewusstsein das noch nicht: „Es“ ist noch nicht vorbei für sie.

 

Wie Gespräche mit ihnen sensibel und verantwortungsvoll gestaltet werden können, erklärte Claudia Fischer der MT-Redaktion im Workshop „Trauma und Journalismus angesichts der Ukraine-Krise“. Die freie Journalistin und Dozentin hat sich auf den Umgang mit Traumatisierten in der Berichterstattung spezialisiert. Neben dem Krieg gibt es noch viele weitere Situationen, die Menschen mit Wucht treffen und Spuren hinterlassen.

 

Fischer rät, zunächst für eine gute Gesprächsatmosphäre zu sorgen. Dazu zählt, einen geschützten Raum zu schaffen, eine Begleitung als seelische Stütze zuzulassen, und vor allem Zeit mitzubringen. Von der Konfrontation mit traumatischen Orten, Dingen oder Menschen – wie sie gerne Boulevardmedien anwenden – rät sie dringend ab. Gut formulierte Fragen können das Gegenüber aus der Reserve locken, etwa bei Interviews mit Politikern. Doch bei GesprächenmitTraumatisiertenistVorsicht geboten, Fragen nach dem Warum oder Gefühlen können eine Retraumatisierung auslösen. Fakten-Fragen hingegen stabilisieren das Gegenüber, sie sind einfach zu beantworten. Fischer wies daraufhin, dass Antworten aufgrund des Erlebten unvollständig ausfallen können: Das Gehirn blendet Informationen aus Selbstschutz aus. Widersprüche sollten dennoch nur dezent angesprochen, Fakten möglichst von der Redaktion geprüft werden.

 

Zu einem sensibel geführten Interview gehört auch ein guter Ausklang: Es sollte nie mit einem emotional aufgewühlten Menschen enden. Fragen nach Zukunftswünschen können beispielsweise einen positiven Abschluss bilden.