
Regionalzeitungen genießen unter allen Medien das höchste Vertrauen, ermittelte eine Studie der Forschungsgruppe Wahlen auch wieder für das Jahr 2015. Repro: MT
Die deutschen Zeitungen sehen sich als „d i e universale Kommunikationsplattform in der digitalen Zivilgesellschaft.“ Das erklärte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Dieter Wolff, bei dessen Jahrespressekonferenz am 14. Juli 2015 in Berlin. Wolff machte deutlich, wie existenziell wichtig die Zeitungen im Mediensystem in Deutschland seien. Kein anderes Medium könne die Welt in ihrer Universalität so professionell abbilden. Bis in den lokalen und hyperlokalen Nahraum hinein begleite die Zeitung die Menschen und liefere zugleich das „big picture“ in Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Mit diesem Informations- und Bildungsangebot erreiche die Zeitung täglich fast 52 Millionen Bürger beziehungsweise drei Viertel der deutschsprachigen Bevölkerung. Dies geschehe zunehmend auf digitalen Ausspielkanälen vom PC bis zu Tablet und Smartphone.
Wie sehr die Bürger den Zeitungen vertrauten, habe erst jüngst wieder eine Untersuchung der Forschungsgruppe Wahlen bestätigt: Über alle Altersgrenzen hinweg genössen Zeitungen die höchste Glaubwürdigkeit – ganz oben stünden die regionalen Tageszeitungen. Sie seien in den Städten und Gemeinden das Forum für sachliche und meinungsstarke Debatten. Tag für Tag würden von Zeitungen Missstände in Politik, bei Behörden, Institutionen und Unternehmen aufgedeckt. Oft seien es Regionalzeitungen, die journalistische Scoops landeten. Diese Leistung sei für eine lebendige Demokratie von unschätzbarem Wert, stellte Wolff fest.
Wie hoch die Relevanz der Zeitung bei den Leistungseliten sei, bestätige die jüngste Leseranalyse Entscheidungsträger in Wirtschaft und Verwaltung (LAE), bei der die Zeitungen im Vergleich zum sehr guten Vorjahr noch einmal zugelegt hätten.

BDZV-Jahrespressekonferenz in Berlin. Von links. Dietmar Wolff, Hans-Joachim Fuhrmann, Jörg Laskowski. Foto: BDZV
„Ob überregional, regional oder lokal – in allen Zeitungshäusern wird optimistisch und mit höchstem Engagement an der Zukunft der Zeitung gearbeitet“, so Wolff. Jedem sei klar, dass eine große Innovationskraft gefordert sei und überall sei der Wille zur Erneuerung zu spüren. In die etablierten Zeitungstitel werde ebenso investiert wie in neue Produkte und Formate. Dabei bleibe professioneller erstklassiger Journalismus der Kern des Geschäfts. Gleichwohl würden die Verlage sich wandeln und künftig einen wachsenden Anteil der Gesamterlöse auch jenseits des Kerngeschäfts erzielen. „Die Marktbedingungen für Zeitungen haben sich grundlegend geändert“, so Wolff. Die Relevanz der Zeitung sei höher denn je, doch das Geschäftsmodell müsse weiterentwickelt werden. Die Frage nach der langfristigen Refinanzierung von Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter sei eine der großen Herausforderungen, denen sich die Zeitungsbranche stelle.
„Digitalgeschäft ist Wachstumstreiber“
Das Digitalgeschäft sei der Wachstumstreiber, erläuterte Hans-Joachim Fuhrmann, Mitglied der BDZV-Geschäftsleitung. Die Nutzerzahlen der Onlineangebote gingen kontinuierlich nach oben und seien innerhalb eines Jahres um eine weitere Million auf 18,5 Millionen pro Woche gestiegen (AGOF internet facts). Überdurchschnittlich gut erreichten die Zeitungen mit ihren digitalen Angeboten jüngere Zielgruppen. 5,5 Millionen der 14- bis 29-jährigen Internetnutzer (37 Prozent) sowie 7,8 Millionen der 30- bis 49-Jährigen (35 Prozent) besuchten regelmäßig die Webangebote. Immer wichtiger werde auch für die Verlage die mobile Nutzung. Die mobilen Webseiten und Apps der Zeitungen würden jede Woche von 8,4 Millionen Menschen auf Smartphones und Tablets genutzt. Zusammengefasst erreichten die Zeitungsmarken von der gedruckten Ausgabe über den stationären PC bis zu Smartphone und Tablet jeden Tag rund 52 Millionen Menschen. Damit seien drei Viertel der deutschsprachigen Bevölkerung regelmäßige Zeitungsleser.
Optimistisch stimme die Entwicklung bei den Bezahlangeboten im Netz. Gegenüber dem Vorjahr seien diese um 30 Prozent gewachsen. Aktuell verlangten 107 Verlage von ihren Lesern ein Entgelt für die Nutzung der Webangebote, bis Jahresende rechnet der BDZV mit mindestens 120 Zeitungen. Die Zahlungsbereitschaft bei den Nutzern steige weiter. „In den Köpfen der Menschen ist angekommen, dass guter Journalismus auch im Netz seinen Preis hat“, so Fuhrmann. Jeder dritte Internetnutzer in Deutschland habe 2014 für redaktionelle Inhalte jeden Monat im Schnitt 15 Euro ausgegeben. Ein Jahr zuvor war es erst jeder vierte.
Als „äußerst erfreulich“ bezeichnete Jörg Laskowski, BDZV-Geschäftsführer Verlagswirtschaft, die Entwicklung der E-Paper-Auflage. Im Vergleich zum Vorjahr (1. Quartal) sei die Auflage um 30 Prozent von 564.000 auf 733.000 angestiegen – Tendenz: dynamisch wachsend. Bei überregionalen Titeln liege der Anteil der E-Paper-Auflagen bereits bei über zehn Prozent.
Neue Produkte – digital und Print
BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff im Video-Interview mit dem Branchendienst turi2
Der BDZV führte weiter aus, dass die Verlage mit großem Engagement und viel Mut an neuen Produkten arbeiteten. Etliche Regionalverlage hätten digitale Sonntagszeitungen auf den Markt gebracht; eine andere Variante sei die digitale Zeitung am Abend. Zwei Drittel der Verlage planten für das laufende Jahr neue Digitalprodukte jenseits der klassischen Websites und Newsapps: Lokale Schwerpunktthemen, Freizeit, Sport und regionale Servicethemen würden für besondere Zielgruppen aufbereitet. Derzeit seien die Zeitungsverlage mit mehr als 600 Apps auf dem Markt. Als weitere Innovation aus den Redaktionen nannte Fuhrmann die wachsende Zahl der Chefredakteurs-Newsletter, die mit Namen wie „Checkpoint“, „Stimme des Westens“, „Vorab:“, „Hauptwache“, „Morningbriefing“ oder „Post vom Chefredakteur“ verbreitet würden. Im Schnitt erreichten sie 35.000, in der Spitze mehr als 150.000 Abonnenten. Dabei stehe die Penetration der Zeitungsmarke und die emotionale Bindung der Leser an die Redaktion im Vordergrund. Als völlig neuen Ausspielkanal für Nachrichten und Service testeten die Verlage derzeit sogenannte Wearables, wie beispielsweise die Apple Watch.
Daneben würden auch neue Printprodukte entwickelt. Mit regionalen Wirtschaftsmagazinen, Magazinformaten für Universitäten, für junge Menschen, für die Bereiche Sport, Freizeit, Lifestyle, Wohnen würden neue Zielgruppen erreicht. Die regionale Werbewirtschaft begrüße die Magazinkultur der Zeitungen sehr.
Als größte Herausforderung der Branche bezeichnete der BDZV, den wachsenden publizistischen Erfolg in der digitalen Welt auch zu einem ökonomischen Erfolg zu machen. „Das ist ein Marathon, der große Kondition und langen Atem erfordert“, so Fuhrmann. Die Branche sei dafür gut gerüstet.
Für 2015 Stabilisierung im Print- und Anzeigengeschäft erwartet
Für das laufende Jahr rechneten die Zeitungsverlage mit einer Stabilisierung im Vertriebs- und Anzeigengeschäft, erklärte Geschäftsführer Laskowski. Im ersten Quartal 2015 lag die verkaufte Auflage bei 20,71 Millionen Exemplaren, die Tageszeitungen setzten 16,24 Millionen Exemplare ab, Wochenzeitungen 1,73 Millionen, die regionalen Abonnementzeitungen 12,35 Millionen. Bereits im Geschäftsjahr 2014 habe eine Konsolidierung eingesetzt. Der Gesamtumsatz sei mit 7,76 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr stabil (-0,6 Prozent). Der Gesamtumsatz (Tages-, Wochen- und Sonntagszeitungen) setzt sich aus 2,99 Milliarden Euro aus Anzeigen und Beilagen sowie 4,77 Milliarden Euro Vertriebseinnahmen zusammen (der Umsatz der Supplements konnte 2014 aus statistischen Gründen nicht erhoben werden und ist daher in den Umsatzzahlen nicht enthalten; 2013 lag er bei 79,3 Millionen Euro).
Äußerst stabil sei der Gesamtumsatz in Höhe von 7,39 Milliarden Euro bei den Tageszeitungen (-0,2 Prozent). Dabei entfielen 2,84 Milliarden (-2,8 Prozent) auf Anzeigen und Beilagen sowie 4,55 Milliarden (+1,5 Prozent) auf den Vertrieb. Wochen- und Sonntagszeitungen erzielten einen Umsatz von 365 Millionen (-7,8 Prozent). Dabei sei zu beachten, dass die Entwicklung bei den Wochenzeitungen konstant sei, allerdings bei den Sonntagszeitungen aufgrund von Veränderungen bei einem Titel Umsatzrückgänge zu verzeichnen waren. Laskowski hob hervor, dass 94,7 Prozent der Vertriebsumsätze bei den Tageszeitungen im Abonnement erreicht würden, lediglich 4,6 Prozent kämen aus dem Einzelverkauf, 0,7 Prozent seien sonstige Verkäufe. Im Anzeigengeschäft komme das Gros der Umsätze nach wie vor aus dem lokalen Markt (30 Prozent), gefolgt von Stellenanzeigen (18 Prozent) sowie Markenartikel/ Markenwerbung/ Großformen des Handels mit 15,4 Prozent.
Quelle: BDZV







