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„Verantwortliche Absenderschaft“ ist das Prinzip Zeitung auch in der Digitalen Welt: Bericht vom Zeitungskongress 2016 in Berlin

Sep.272016


„Eine Demokratie braucht unabhängige, kritisch recherchierende Journalisten.“ Matthias Döpfner, neuer Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), machte gleich zu Anfang seiner ersten öffentlichen Rede im neuen Amt anlässlich des Zeitungskongresses 2016 in Berlin deutlich, welche Motivation ihn dabei antreibt: „Ich will, dass Journalismus eine Zukunft hat. Ich möchte, dass Verlage auch in der digitalen Welt noch eine wichtige gesellschaftspolitische Rolle spielen. Und ich werde deshalb dafür kämpfen, dass Verlage auch im Jahr 2050 noch ein gesundes und attraktives Geschäftsmodell haben.“ Diese Verbindung ist ihm wichtig, sie durchzieht alle verbandspolitischen Debatten wie ein roter Faden, denn: „Ohne funktionierendes Geschäftsmodell keine gesellschaftspolitische Rolle“.

Die Digitalisierung der Medienwelt hat das traditionelle Geschäftsmodell der Zeitungsverlage vor existenzielle Herausforderungen gestellt. Nicht nur die Zeitungen haben darauf bis heute – trotz aller Wandlungsprozesse und Innovationsanstrengungen – keine endgültige Antwort gefunden. Auch die Medien-und Ordnungspolitik hinkt – auf nationaler wie auf europäischer Ebene – den von der technischen Entwicklung und den neuen Internetriesen wie Facebook und Google längst geschaffenen Fakten deutlich hinterher. Weswegen Döpfner auf dem Zeitungskongress unter anderem eine neue Politik forderte, die der „täglichen Enteignung von Verlagen ein Ende setzen müsse“. EU-Kommissar Günther Oettinger, der Döpfner auf dem Rednerpult folgte, denkt da mit dem Vorstoß für ein neues europäisches Urheberrecht durchaus in die gewünschte Richtung, will er doch die bereits für die Musik- und die Filmindustrie gefundenen Regelungen auch für die Verlage öffnen. Er forderte dafür allerdings publizistische und politische Unterstützung ein, denn es sei ein „schwieriger Kampf“.

„Die Idee der Zeitung vom Papier emanzipieren“

Die Zukunft der Branche, das ist inzwischen auf Verlegerkongressen unstrittig, liegt gleichwohl im Digitalen. „Wir müssen es hinbekommen, die Idee der Zeitung vom Papier zu emanzipieren“, sagte Döpfner. Das sei mit Blick auf das Jahr 2050 die historische Aufgabe für die Unternehmen. Mit Blick auf frühere Wandlungsprozesse ist sein Anspruch klar: „Ob wir die Kutschenhersteller von gestern oder die Autobauer von Morgen sind, kann ja wohl keine Frage sein – höchstens eine der Ehre“.

Der Vorstandsvorsitzende der Springer AG hob hervor, in aufgeregten Zeiten seien unaufgeregter Journalismus, kritische Recherche und nüchterne Einordnung besonders wichtig. Fehler könnten dabei durchaus passieren. So hätten etwa nach der Silvesternacht von Köln Journalisten und Verleger eine „ganz schlechte Figur“ abgegeben, Reporter hätten nicht gründlich genug recherchiert. Glaubwürdigkeit bedeute auch, die unangenehmen, vielleicht auch politisch inkorrekten Dinge beim Namen zu nennen. „Zeitungen müssen schreiben, was ist.“

Eine Selbstkritik, die Peter Pauls, Chefredakteur des „Kölner Stadtanzeigers“, mit Blick auf die gerade auch nach der Silvesternacht von den örtlichen lokalen und regionalen Medien geleistete Arbeit durchaus nicht stehen lassen wollte. „Wir haben von Anfang an geschrieben, was wir gewusst haben – aber auch, was wir nicht wussten.“ Pauls diskutierte in einer Podiumsrunde unter anderem mit dem stellvertretenden AfD-Sprecher Alexander Gauland, dem Bild-Politikchef Nikolaus Blome, dem Dresdener Politik-Professor Peter Patzelt und der „Wirtschaftswoche“-Chefredakteurin Miriam Meckel darüber, ob der Begriff der „Lügenpresse“ berechtigt sei. 

Gauland warf den Medien in ihrer Berichterstattung über die Flüchtlingskrise eine „Schere im Kopf“ vor. In der „Flüchtlingseuphorie“ hätten sich viele Journalisten auf die gute Sache gestürzt und keine Empathie für Menschen gezeigt, die Angst gehabt hätten, sagte Gauland bei der Podiumsdiskussion. „Es fehlte die Distanz.“ Blome kritisierte den Schmähbegriff „Lügenpresse“ als „bodenlos“. Natürlich machten Medien Fehler, sie würden sie aber auch korrigieren. Fehler oder Irrtümer seien etwas anderes als eine Lüge, als bewusste Irreführung. Er wies auch den Vorwurf zurück, die AfD sei totgeschwiegen worden.

Im Zweifel grundsätzliches Misstrauen angebracht

„WiWo“-Chefredakteurin Meckel hatte zuvor in einem Impulsvortrag dargestellt, wie vermeintlich weitverbreitete oder gar als mehrheitlich empfundene Meinungen in den jeweils persönlichen Filterblasen des Internet trügen können. Sie riet zur Vorsicht bei der Frage „Was sagt denn das Netz?“. Und sie führte Beispiele für die Notwendigkeit vor, Netzinhalten im Zweifel grundsätzlich zu misstrauen.

Womit der inhaltliche Bogen zur Eröffnungsrede Döpfners geschlossen war, der das Prinzip Zeitung als Prinzip der „verantwortlichen Absenderschaft“ beschrieben hatte – im ganz wörtlichen juristischen wie im übertragenen gesellschaftspolitischen, publizistischen Sinn. Verlage übernähmen, auch im Internet, Verantwortung dafür, dass die von ihnen publizierten Inhalte stimmten. Dieses Prinzip gelte es auch in der digitalen Welt mit aller Entschlossenheit zu verteidigen.

Das MT als Local Hero

Der zweite Kongresstag war den Entwicklungen am Zeitungs- und am Medienmarkt gewidmet. Das Stichwort ‚Digitalisierung – Wie Unternehmen sich neu erfinden (müssen)‘, wurde bei der Podiumsdiskussion „Bereit zum Change“ zwischen Gisbert Rühl, Vorstandsvorsitzender des Stahlhandelsunternehmens Kloeckner, und der auch für das MT tätigen Medienberaterin Professor Katja Nettesheim im Gespräch mit Christoph Keese, Vizepräsident der Axel Springer AG, thematisiert. Die Impulsrede von Jim Roberts, derzeit Consulting Editor „The Hill“ in Washington D.C. und davor als Change-Manager unter anderem für „Mashable“ und die „New York Times“ tätig, beschrieb am Beispiel US-amerikanischer Verlage den digitalen Umschwung und seine Folgen.

Anschließend wurden drei „Local Heroes“ präsentiert: Unter diesem Titel stellt der BDZV dem Kongress innovative Verlagsprojekte lokaler und regionaler Medienhäuser vor. Hier kam auch das Mindener Tageblatt auf die große Bühne: Sabine Morche, Redaktionsleitung Bruns Medien-Service, brachte dem anwesenden Publikum aus Verlegern, Chefredakteuren, Verlagsmanagern und Fachjournalisten das schon vom Weltverband der Zeitungen ausgezeichnete MT-Projekt „Azubify“ so nahe, dass es im Anschluss gleich zu mehreren Kooperationsanfragen kam. 

Wolfram Kiwit, Chefredakteur der „Ruhr Nachrichten“ (Dortmund) und Bernd Weber, Geschäftsführer mct media consulting team, präsentierten mit „Cockpit“ ein Werkzeug zur Sicherung journalistischer Qualität in der Blattproduktion; Florian Schiller, Geschäftsführer OVB24 GmbH („Oberbayerisches Volksblatt“, Rosenheim), berichtete über Konzept und Erfolg des regionalen Reichweitenportals OVB24. 

Den Newsroom des BDZV beim Kongress übernahmen 15 Nachwuchsjournalisten von der Jugendpresse Deutschland, der Spitzenorganisation der Schüler- und Studentenpresse. Ihre Berichterstattung kann man im Blog http://blog.politikorange.de/ nachlesen. Ihnen war auch der Schlussauftritt des Kongresses gegönnt, als sie nach der Vorstellung des Teams BDZV-Präsident Döpfner live auf der Bühne interviewten.

Von Christoph Pepper mit Material von DPA und BDZV

Eröffnungsrede von Matthias Döpfner im Video (YouTube)

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